Murray Lake, Kettle Trail, Okanagan Valley bis Nelson

In knappen vier Stunden ist der Van gepackt und nun kann’s endlich losgehen. Nach vier Monaten Vancouver fürht uns der Trans-Canada Highway strikt Richtung Osten, erst nach Chilliwacks und Hope und biegt dann nach Norden Richtung Kamloops ab. Auf der Karte findet sich der kleine Murray Lake mit seinem kostenlosen Campingplatz. Als wir in den Feldweg einbiegen, der zum See raufführt, haben wir allerdings noch keine Ahnung, was uns in der nächsten Stunde auf den sechs Kilometern  erwartet. Denn nicht nur das Auto, auch unsere Nerven werden gleich mal auf ihre (Gelände-)Tauglichkeit getestet.

Erst geht es eine steile Schotterpiste rauf und wir werden die nächste Stunde gefühlt tausend Schlaglöchern und Steinen ausweichen. Dabei setzen wir mit der Anängerkupplung mindestens genauso oft auf. Mangels Gelegenheit ist auch Umkehren keine Option. Die Dämmerung naht, also zusammenreissen und mit Konzentration immer weiter. Schließlich schaffen wir es noch rechtzeitig vor der Dunkelheit und wie erhofft, wartet bereits ein schöner Platz direkt am See auf uns. 

Nach der Plackerei bleiben wir gleich mal drei Nächte, um uns von der ganzen Anstrengung des Packens und Losziehens zu erholen. Das Anglerglück ist mir mal wieder hold, und zum ersten Lagerfeuer gibt’s eine kleine, aber sehr leckere Forelle.


 

 
Ach ja, so sieht das Innenleben nach einiger Renovierungsarbeit aus..

 

Von Locals erfahren wir, dass ein anderer Weg vom See zurück auf den Highway führt. Unser nächstes Ziel ist das Okanagan Valley, das sich ganze 175km zwischen Vernon und Osoyoos am Okanagan Lake entlangzieht. Durch das überdurchschnittlich warme Klima ist das wunderschöne Gebiet durch seinen Weinanbau bekannt geworden. Bei meist sonnigem Wetter locken uns die Biketrails des Kettle Valley Railway, einer ehemaligen Eisenbahnstrecke, die nun für Biker und Fussgänger restauriert wurde. Insbesondere die Myra Canyon Trestles mit ihren über 18 Holzbrücken wollen mit ihren atemberaubenden Ausblicken von uns entdeckt werden. Der Trail ist zwar nicht anspruchsvoll, lässt aber unsere Herzen dennoch höher schlagen. Denn die Landschaft, der Ausblick und die vielen liebevoll restaurierten Holzbrücken sind einfach umwerfend. 

Nachdem wir einen ruhigen und wieder mal kostenlosen Parkplatz am Fuss der Crawford Trails bei Kelowna zum übernachten genutzt haben, fahren wir morgens gleich mal ein paar der eher felsigen Trails inmitten von einem Waldbrand gezeichneten Gebiets ab. Adrenalin ist ohnehin effektiver als Kaffee und der einsetzende Regen treibt dann die letzte Müdigkeit aus unseren Knochen. 

In Penticton kann man sich wie im Badeurlaub fühlen, denn es gibt feinen Sandstrand direkt am See. Mit dem Gasgrill schlagen wir die mobile Küche auf und so geniessen wir das Dinner bei Sonneruntergang in vollen Zügen.

Da Vernon nur etwa 70km nördlich von Kelowna liegt, können wir einfach nicht am Silverstar Mountain Bikepark vorbei fahren. Und der zeigt sich als absoluter Volltreffer, denn die Trails können sich mit ihrem enormen Flowfaktor in meinen Trailcharts sogar fast noch vor Whistler platzieren. Für Jasmin ist es ihr erster Besuch im Bikepark und sie ist nach ein paar Abfahrten Feuer und Flamme. Besonders die Jumplastigen Trails wie Jedi Mind TrickSuperstar und LTG machen uns unheimlich Spass.

 

 

 

 

Sturz und unfallfrei kommen wir auch durch diesen Tag und so kann uns auch das gemischte Wetter nichts ausmachen.

Kaum ist man ein paar Kilometer gefahren, muss man schon wieder anhalten und sich mit Muskelkraft in das Trailnetz der „3 Blind Mice“ bei Penticton einklinken.

Die ultralange Abfahrt über Rusty Muffler, Fred und Roller Coaster ist der absolute Bikertraum. Jasmins Oberschenkel sind noch nicht wieder ganz fit und so shuttled sie mich zum Trailstart und mir stehen eine einstündige Abfahrt bevor. Wiedermal werden die Endorphine nur so durch die Venen gespült, denn nicht nur die Trails, sondern auch die Landschaft mit Blick auf See und Berge lassen das Bikerherz höher schlagen. Beim folgenden Bild war ich schon fast froh, dass mich ein Platten zum pausieren zwingt und mir so einen geruhsamen Blick auf den Okanagan Lake ermöglicht.

Und schliesslich entdecken wir bei Penticton per Zufall die Skaha Bluffs, ein Wander- und Kletterparadies, was einen ganz besonderen Platz in unserem Herzen eingenommen hat. Mit Blick auf Penticton und beide Seen, viel Ausblick auf die gegenüberliegenden Berge, bizarr geformte, schroffen Felsen, begeisterten Kletterern und vielen kleinen, versteckten Trails durch senkrechte Steinwände wird uns dieser Ort noch zwei weitere Male während der Reise in seinen Bann ziehen. 

Die Orte auf dem Weg in den Süden haben magische Namen wie Peachland und Summerland. Mit frisch gepflückten, wilden Pfirsichen ist Jasmin im absoluten Früchtehimmel. Überall gibt es die s.g. „Fruitstands“, die ihre frischen Früchte zu bezahlbaren Preisen verkaufen. 

Ganz im Süden befindet sich das Örtchen Osoyoos, schon fast an der amerikanischen Grenze. Hier geniessen wir an unserem kleinen Privatstrand die warme Sonne und leihen uns ein paar netten Kanadiern ihre Kayaks für einen kleinen Ausflug auf den See aus.

 

 

 

 

 

Auf dem Weg nach Nelson halten wir am Christina Lake an und suchen gegen abend noch einen Campingplatz. Leider ist der direkt am See gelegene Campsite bereits ausgebucht und wir sind angesichts der hereinbrechenden Dämmerung etwas ratlos, was wir nun tun sollen. Aber dann fällt mir ein, dass ich auf dem Weg noch eine verwilderte Einfahrt runter zum See erblickt hatte.  


Das Haus nebendran ist mitten in der Grundsanierung und das Gras steht so hoch, so dass wir davon ausgehen, dass hier niemand wohnt. Also trauen wir uns und verbringen die nächsten drei Nächte an unserem superexclusiven Premiumplatz in allererster Reihe. Meine Angel bringt uns ein neues Fischschen und wir können unser Glück, diesen Platz ergattert zu haben, kaum fassen.

Erst am letzten Abend machen wir ein grösseres Lagerfeuer, als sich uns plötzlich ein paar Taschenlampen über verwilderte Treppe nähern. Wir fürchten schon, dass wir jetzt doch noch vertrieben werden.

Aber – typisch kanadisch – die Besitzer des Grundstücks, die doch weiter oberhalb wohnen, waren lediglich vom Feuer beunruhigt und wollten nur sicherstellen, dass wir nichts abfackeln. Sie waren ganz nett und haben uns auch für diese Nacht noch erlaubt, zu bleiben, was wir ihnen mit einer Flasche Wein am nächsten Tag gedankt haben.

In Nelson muss die Lorry nochmal zeigen, was sie drauf hat. Denn der 16km lange Feldweg hinauf zum Kokanee Gletscher ist steinig und eigentlich nur was für Allrad Jeeps. Dennoch kämpft sie sich tapfer und ohne Platten den schroffen Weg bis oben. Die Autos oben auf dem Parkplatz sind von ihren Besitzern von Hasendraht umgeben, denn die ansässigen Stachelschweine haben es auf Gummiteile, Autoreifen und vor allem Bremsleitungen abgesehen. Von hier startet der Trail und es geht zu Fuss weiter zum Gletschersee rauf. Die spitzen Tannen, das sonnige Wetter und der Blick auf den Gibson Lake sind an diesem Tag einfach unbezahlbar. 


Oben liegt noch etwas Schnee und im See schwimmen noch immer ein paar Eisschollen. Aber gerade das spornt mich zu einem Sprung in das (wirklich, wirklich!) eiskalte Nass an. Es ist ein wahnsinniges Gefühl, in so gnadenlos kaltes Wasser zu springen. Nach dem initialen Schock des Eintauchens, fangen die Gliedmassen sofort an zu stechen und zu brennen zugleich. Die Haut fühlt sich an, als ob sich eine Eisschicht darum bildet. 

Im Schnee finden wir noch ein paar Spuren von einem Berglöwen, was uns wieder mal daran erinnert, dass wir hier in der echten, wilden Wildnis sind, in der uns jederzeit ein Bär oder eine Raubkatze begegnen könnte.

 

Bevor uns die kostenlose Autofähre über den Kootenay Lake bringt, fahren wir noch rauf zu den Ainsworth Hot Springs. Hier fliesst eine natürliche Thermalquelle mit etwa 40°C heissem Wasser aus dem Berg und man kann durch eine hufeisenförmige, dunkle und enge Tropfsteinhöhle waten. Für mich ist es das ultimative Wechselbad der Gefühle, vorher noch in den mörderisch kalten Gletschersee zu springen und nun in das heisse Wasser der schaurig-schönen Höhle.

Über Creston, Cranbrook fahren wir noch am gleichen Tag bis rauf nach Invermere, wo wir nach langem warten nun endlich unser neues Kühlelement abholen und einbauen können. Ein ziemlich nerviges Kapitel geht damit zu Ende, ab jetzt gibt’s endlich kaltes Bier und Eiswürfel!

In Invermere lass ich mir den Canyon Trail nicht entgehen, der mir nicht nur eine tolle Aussicht in den speziell geformten Sandstein Canyon gewährt, sondern ich bin ganz aufgeregt, als ich meinen ersten Weisskopfadler lautlos durch die Schlucht segeln sehe.

Der nächste Abschnitt führt uns in den Banff & Jasper Nationalpark…