km 9511 Irkutsk City

Unser Zug kommt gegen nachmittags um 2 nach unserem Drittklassabenteuer von Krasnoyarsk in Irkutsk an. Die 1.3 Millionen Stadt ist laut Reiseführer nicht besonders sehenswert. Dennoch bleiben wir zwei Nächte dort, um uns etwas vom Zugfahren zu erholen, mal wieder in einem richtigen Bett zu schlafen und unser anstehendes Mehrtages-Trekking am Baikalsee zu organisieren. Wir machen uns am nächsten Tag mit der Kamera auf Stadterkundung und finden einige interessante alte Irkutsker Holzgebäude.


Man sieht ihnen ihr alter an, manche davon sind schiefer als der Turm von Pisa, aber die meisten scheinen nach wie vor bewohnt zu sein. Jedenfalls sehen sie toll aus und geben interessante Fotomotive ab.


Ein russisches Pärchen will gerade mit ihrem Auto los und hält noch einmal an, um uns anzusprechen und zu erfragen, wo wir denn herkommen. Die Nichte, die hinten im Auto sitzt, wird von ihm noch genötigt, ihre Deutschkenntnisse auszupacken. Er erzählt uns von der Mottenplage, die Irkutsk im Sommer jedes Jahr heimsucht. Wir bestaunen die Bäume, die von den Fäden der Raupen völlig überzogen sind.


Manchmal sind die Russen also doch recht aufgeschlossen, zumindest sobald sie eine gemeinsame Sprache sprechen. Ganz im Gegensatz zu unserer superharten ernsten und für europäische Verhältnisse unfreundliche Hotelrezeptionstante. Obwohl sie so eine sauharte Mine macht und auf alles nur in fast einsilbigen Sätzen antwortet, macht sie dennoch alles, was man sie fragt. Aber ein Lächeln würde man ihr wohl nicht in tausend Jahren abgewinnen können. Immerhin können wir im Hotel ab nachts um 1 auch mal ein WM-Spiel angucken.


Am zweiten morgen werde ich dann doch nochmal von der Hilfsbereitschaft der Irkutzker überrascht, ja schon fast überwältigt. Das kleine Fischerdorf namens Listwjanka, welches ca. 70km von Irkutsk entfernt am südwestlichen Ufer des Baikalsees liegt, ist der Startpunkt für den Great Baikal Trail. Dieser schlängelt sich entlang des Ufers und will als nächstes von uns beschritten werden. Wir packen alles nötige dafür ein: Zelt, Matte, Schlafsack und Essen für mehrere Tage.

Um aber überhaupt dahin zu kommen, wollte ich morgens noch ohne Gepäck „kurz“ herausfinden, mit welchem Bus bzw. privaten Minibussen man da also hinkommt. Bei der Ankunft am Bahnhof haben wir bereits viele dieser Toyota Kleinbusse gesehen. Da der Bahnhof zu Fuss nur 10min entfernt liegt, geht’s während Jasmin noch schläft also erstmal dahin. Tja, da stand ich nun und renne eine geschlagene Stunde von Schalter zu Schalter, von Busfahrer zu Busfahrer. Aber wieder mal – no english, no german und mein russisch beschränkt sich auf ‚Hallo‘, ‚Danke‘ und ‚Bitte‘.

Irgendwann seh ich einen Typen im Tarnanzug – sieht ein bisschen nach Spezialeinheit aus – und ich hoffe, dass er eventuell ein paar Brocken englisch spricht. Aber erneut Fehlanzeige und ich bin schon fast am Aufgeben. Internet hatte zuvor ja auch nicht geholfen, also was tun? Anscheinend sah er mir aber meine Verzweiflung an, so dass er sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht hat, mir nun doch weiterzuhelfen. Ich laufe also erneut von Schalter zu Schalter, von Busfahrer zu Busfahrer nur diesmal im Schlepptau meines neuen russischen Freundes. Irgendwann hat er dann rausgefunden wo ich hin muss. Er sieht eine der geilen, runtergekommenen russischen Trams und spurtet los, stellt seinen Springerstiefel in die sich schliessende Tür und ruft die alte, ca. 65 jährige Konduktorin ran. Er erklärt ihr, wo sie mich wieder rauswerfen soll. In dem Moment springt ein anderer junger Typ auf, der schon in der Tram sass und das ganze wohl mitbekommen hat. Er sagt wohl, dass auch er an den gleichen Platz fährt, wo die Busse abfahren und erklärt sich bereit, mich dahin zu bringen. Die Tram wird während der ganzen Szene kurz mal aufgehalten, um mich, den armen, verlaufenen Touri an sein Ziel zu bringen.


Tram bekommt grünes Licht, Tarnanzugtyp steigt aus und mein neuer Begleiter bringt mich zuverlässig zum Zentralmarktplatz.. Im Schlepptau des jungen Typen, fragt er sich erneut 10 Minuten lang durch und bringt mich schliesslich zum richtigen Minibus. Das nenn ich mal Hilfsbereitschaft!

So ernst und abweisend manchmal die Russen erscheinen, so herzlich und bemüht können sie also auch sein. Ach ja – Ende vom Lied – man braucht keine Tickets im Vorfeld, man muss nur an den richtigen Ort kommen und sobald der Minibus voll ist, geht’s los. Juhu, Mission erfüllt.

Ich laufe noch über den vollen Marktplatz, an dem jeweils viele verschiedene Stände, die immer gleichen Waren anbieten. Schon lustig, aber die Früchte, Fleich, Käse und Klimbimgedöns sehen so aus, als ob sie alle vom gleichen Grosshändler stammen. Erst am Ende des Marktes kommen dann die alten Frauen, die das spärliche Gemüse anbieten, welches offensichtlich in ihren Gärten wächst. Man kann sich nur fragen, ob es sich lohnt, den ganzen Tag vor einer (!) grossen Tomate, einem Salat, vielleicht 5 Kartoffeln und ein paar Bünden Dill zu sitzen.
Ich streune noch über einen anderen Teil des Marktes, wo es eher so Baumarktstände und andere Non-Food-Sachen gibt. Ich frage mich durch, da ich gern noch eine kleine Angel gekauft hätte um am Baikalsee vielleicht mal ein Abendessen zu angeln.

Erneut trifft mich die russische Hilfsbereitschaft. Eine der Marktfrauen kann englisch und verwickelt mich in ein Gespräch über die politische Lage in der Ukraine. Als weitere Kundinnen in ihr Geschäft kommen, schickt sie sie wieder raus – sie muss ja schliesslich erstmal den Ausländer zum Angelstand bringen. Sie schliesst ihren kleinen Laden ab und läuft mit mir über den halben Markt. Am Angelstand angekommen übersetzt sie mir noch ein paar Dinge und freut sich, mal wieder englisch reden zu können. Wieder mal bin ich verblüfft, wie sich die Leute Zeit nehmen, einem zu helfen. Mit meiner Handangel mach ich mich auf den Heimweg, um an den Baikalsee zu starten.

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