km 11075 Ulan Bator, Mongolei

Montagmorgen, der Wecker klingelt kurz nach 7 Uhr und wir schleppen uns schlaftrunken die 10 Minuten zu Fuss zum Irkutsker Hauptbahnhof. Unser letzter 25h Abschnitt der Transsibirischen Eisenbahn wartet in Form eines zweiten Klasse Tickets auf uns. Die Abfahrt ist wie immer pünktlich und erfreulicherweise haben wir nur einen Mitfahrer in unserem Viererabteil. Nach ein paar Stunden Schlaf entpuppt sich der anfänglich eher langweilig aussehnde 50-jährige Tscheche aber doch als ein sehr interessanter Mitfahrer. Wir reden auf der Fahrt viel mit ihm und sind fasziniert von seiner Laufbahn weg vom Berufssoldaten und hin zum Tantralehrer. Der Vater von 4 Kindern hat viel zu erzählen und wir lauschen ihm aufmerksam und stellen viele Fragen zur seinem Leben, der Tantralehre und zum Schamanismus mit dem er sich ebenfalls noch beschäftigt.

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Ulan Bator

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Ulan Bator 47.916773, 106.939631

Ebenfalls viel Glück haben wir auch mit Esee, unserer mongolischen AirBNB Unterkunftslady. Die 29-jährige, hübsche und harleyfahrende Rockerin hat ein paar Jahre in Holland gelebt und spricht hervorragendes Englisch. Sie holt uns zu unserer Überaschung um halb 7 in der Früh mit ihrem Auto vom Bahnhof in Ulan Bator ab und bringt uns in ihre supersaubere, recht westlich eingerichtete 3-Zimmer Wohnung in einem der vielen Hochhäuser UBs.
Wir haben ein tolles Zimmer mit einem grossen Bett, nur leider ist die Matratze wieder mal bockhart. Aber es ist schön, mal wieder eine richtige Wohnung nutzen zu können, mit Küche und allem drum und dran.
Der Blick aus dem Fenster ist eher Ostblockstyle, von der Schönheit aber repräsentativ für die gesamte Stadt wie wir noch sehen werden..

Nach ein paar Stunden Schlaf und dem ersten Kennenlernen bringt sie uns als erstes zum nahgelegenen Food-Market. Wir staunen erstmal leicht geschockt, als wir das Erdgeschoss des Marktes betreten. Ca. 30 Verkäuferinnen buhlen gleichzeitig hinter ihren Tischen um Kunden. Bei ca. 30° liegen vor ihnen die Massen ungekühlten Fleisches, welches sie nach und nach mit grossen Messern zerteilen. Man muss aufpassen, dass man im Vorbeigehen nicht an einem der Fleischstücke hängen bleibt, denn eine Glastrennwand kennt man hier wohl nicht. Später erfahren wir von Harry, einem im Supermarkt arbeitenden Deutschen, dass die Mongolen es gerade im Lebensmittelbereich mit der Hygiene wohl nicht so haben. Puh – das kann ja was werden, mal sehn wen als erstes Montezumas Rache heimsucht.

Im hinteren Teil reiht sich einer dieser etwa 2-3 Meter breiten Stände neben den anderen. Mit diesem brotartigem Gebäck, Früchten und allerlei anderem Kram erinnern sie an die thailändischen Märkte. Es fühlt sich in der Mongolei im Verhältnis zu Russland auf jeden Fall um einiges fremder an. Vermutlich liegt es schon allein daran, dass man selbst aufgrund der westlichen Optik mehr auffällt und öfter auch mal angestarrt wird. Vor allem Jasmin zieht mit ihrer Frisur die neugierigen Blicke auf sich.
Wir steigen in den nächsten Bus und fahren mal drauf los in Richtung City. Die Stadt hat definitiv ein Verkehrs- und aufgrund der Hügel auf beiden Seiten der Stadt offensichtlich auch ein Smogproblem. Aber die Shopping Center neben dem pompösen Parlamentsgebäude in der Innenstadt haben dennoch fast alles, was man bei uns auch bekommt. Nur an die Währung namens „Tugrik“, die mit 1:2500 umgerechnet wird, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Zum ersten Mal im Leben können wir uns nun als echte Millionäre fühlen, nachdem wir ein paar Hundert Euro für den anstehenden 3-wöchigen Trip durch die Steppe der Mongolei wechseln und einen zentimeterdicken Stapel 20000er Noten einstecken.

Esee erweist sich als wunderbare Gastgeberin und Fremdenführerin. Abends macht sie noch einen Termin beim angeblich besten Tattooartist der Stadt klar, damit Jasmin ihr Pusteblumen Tattoo auf dem Arm fortführen kann. Für gerade einmal 20€ sticht er die ersten 3 Herzen in verschiedenen violetten Tönen. Ohne ihr wären wir vermutlich niemals abends um halb 11 in das kleine Tattoo Studio gegangen, was im halben Untergeschoss hinter einem Friseur liegt.

Der langhaarige, eher indianisch aussehende Tätowierer macht einen aber einen sehr erfahrenen Eindruck. Esee versichert uns nochmal, dass er sehr steril und sauber arbeitet. Nach 20 min ist er fertig Jasmin ist glücklicherweise mit dem Ergebnis zufrieden.

Am nächsten Tag fährt Esee mit uns und ihrem Freund mit dem Auto zum naheliegenden Gandan Kloster, wo eine 26m hohe Statue einer Göttin steht. Nur kommen wir zu spät und es hat schon zu. Dennoch hat vor allem Jasmin Spaß mit den hunderten Tauben, für die der kleine Platz vor dem Kloster berühmt ist.

Nach dem Drehen der heiligen Rollen für unsere Karma Aufbesserung, fahren weiter zu den südlichen Hügeln der Stadt. Dort gehts die Stufen zum dortigen Chinggis Khan Denkmal hinauf. Oben angekommen werden wir erstmal überrascht von dem Mongolen, der dort einen echten Adler angebunden hat. Irgendwie geht alles zu schnell und ohne wirklich darüber nachzudenken hat Jasmin ihn schon auf dem Arm.

Irgendwie wird uns erst im Nachhinein wieder klar wird, dass man das ja eigentlich nicht unterstützen darf. Dennoch war es beeindruckend so ein Tier mal aus dieser Nähe zu sehen (und ja, das schlechte Gewissen plagt uns!)
Der Ausblick reicht beim Sonnenuntergang über die ganze Stadt. Von oben wird einem nochmal bewusster, was Ulan Bator für ein Grossstadtmoloch ist. Eine Baustelle jagt die nächste und das Verkehrschaos wird vermutlich in den nächsten Jahren eher zum totalen Kollaps führen.

Esee jedenfalls kocht uns abends noch ein traditionelles mongolisches Nudel-Fleisch-Gericht, was uns gegen die anfängliche Skepsis der mongolischen Küche wirklich gut schmeckt. Der typische Milchtee ist ebenfalls trinkbar, schmeckt am ehesten wie warmer Joghurt mit nem Schuss Tee. Bei ein paar Tequila und mongolischem Bier haben wir ausreichend Gelegenheit, sie über das mongolische Leben zwischen Großstadt und Jurte, ihre Kinderwünsche und den weit verbreiteten Schamanismus auszufragen. Wir lachen viel und haben Spass beim Vergleichen der verschiedenen Hochzeitszeremonien unserer Länder und wir sprechen auch über die Rolle der modernen mongolischen Frau. Es ist wirklich ein Glücksfall, dass wir gerade bei ihr gelandet sind und somit sehr viel über das heutige mongolische Leben lernen können.

Freitags startet das jährliche Nadaam Festial, bei dem sich fast die ganze Mongolei in der Stadt zu Brot und Spielen trifft. Die Hauptdisziplinen der mongolischen Olympiade sind Ringen, Bogenschiessen und Pferderennen. Wobei alle drei Disziplinen sehr traditionell durchgeführt werden. Angezogen in alter, mongolischer Tracht wird statt mit modernem Compoundbogen noch mit dem guten alten Holzbogen geschossen. Wir starten zu viert am Nachmittag mit Esee und ihrem Freund los. Die 20 Minuten laufen wir lieber zu Fuß zum relativ kleinen Stadion der Stadt, als uns in einen der heillos überfüllten Busse zu quetschen.

Um das Stadium herum gibt es alles Mögliche an Volksfestgedöns, vor allem viel Plastikschrott für die Kids und unglaublich viele Essensstände. Lustigerweise verkaufen fast alle Stände das gleiche Essen: in halbrund geformte, handtellergrosse frittierte Teigtaschen mit ner Hackfleischfüllung. Wir lachen uns kaputt, dass die Teile in mongolisch „Hoschoooos“ heissen, weil wir bereits seit Russland diese Art von Essen „Hoschis“ nennen. Über einen Eingang auf der anderen Seite des Stadiums schleichen wir uns ohne Karte ins ohnehin kaum gefüllte Stadion. Natürlich steht das wieder mal in keinem Reiseführer und wir sind froh, die relativ teuren Eintrittskarten nicht schon im Vorfeld gekauft zu haben.

Es ist kein Wunder, dass nur wenig Leute im Stadion sind, denn es treten über 1000 Kontrahenten gegeneinander an, und die Ausscheidungen der höhergerankten Ringer aus den Kategorien „Adler“ , „Elefant“ und „Champion“ finden erst am Sonntag statt. Die Ringer haben lustige kurze Unterhosen und ein bauchfreies, langärmliges Top an und sehen trotz dem Outfit und ihrer teilweise dicken Ränzen dennoch wie echte Krieger aus. Nachdem einer den anderen mit Knie, Schulter oder Rücken auf den Boden gebracht hat, ist der Kampf sofort vorbei. Der Sieger geht meist ein paar Meter zur Seite, bevor er wie ein Adler seine Arme ausbreitet und auf diese Weise jubelnd seinem Sieg Ausdruck verleiht.

Mit Esee und ihrem Freund schlendern wir durch die Stände und beobachten das bunte Treiben. Nach dem Verdrücken von ein paar der Teigtaschen mit einer fettigen Hackfleischfüllung (die jetzt nicht so der Überhammer sind), werden wir genötigt, das Nationalgetränk der Mongolen zumindest mal zu probieren: die gegorene Stutenmilch!
Davon hatten wir ja schon im Reiseführer gelesen und es graute uns bereits im Vorfeld. Die Stutenmilch wird traditionell am Eingang der Jurte oder auch in den Satteltaschen der Pferde so lange bewegt, dass die Milch zwar sauer wird aber – zumindest für mongolische Mägen – noch genießbar bleibt. Jeder der eine Jurte betritt, muss dann einmal umrühren – so sieht es das ungeschriebene Gesetz vor.

Der Gehrungsprozess bildet dann noch einige Prozente Alkohol – und da wäre sie, die fertige super Stutenmilch. Ein kleiner Schluck reicht allerdings, um im Gegensatz zu unseren Begleitern einen halben Liter davon dankend abzulehnen. Der Geschmack ist einfach nur widerlich. Es ist mega sauer, es britzelt etwas auf der Zunge und es bleibt ein intensiver, abgestandener, sauerer käsig-milchiger Nachgeschmack. Aber die Mongolen verkaufen es hier überall, direkt aus den grossen blauen 50l-Tonnen oder in 2L-Cola Flaschen. Vermutlich muss man damit gross geworden sein, um das jemals lecker finden zu können.

Wir finden noch ein paar lustige Eigenheiten der mongolischen Festtradition. Draußen vor dem Stadium beobachten wir einen Ring um ein Oma-Mama-Kind-Trio, die mongolische Folklore zu einem total übersteuerten Miniradio singen. Die Leute sind begeistert von dem Dreiergespann und reihen sich zahlreich rundherum. Dass sogar der Alkipenner zur den 3 Mädels hingeht, und einen Schein in die total überfüllte Geldbox stopft, ist schon außergewöhnlich für uns.

Direkt daneben sehen wir einen Typen an einer Klimmzugstange, eng umringt von einer Traube anderer Männer. Ein gut englisch sprechender Mongole erklärt uns, dass man hier für 1€ Einsatz das 5 oder 10 fache gewinnt, wenn man ‚nur‘ 2 Minuten an der Stange hängt. Und jeder in der Traube denkt, dass er es besser kann als der Rest. Wir amüsieren uns prächtig beim Beobachten der rivalisierenden Jungs. Männer sind halt einfach große Kinder.

Als wir genug haben, schlendern wir zurück zum Hauptplatz beim Parlamentsgebäude. Der einzig schöne Platz in der ganzen Stadt ist voller Leute und wir sind neugierig, was abgeht. Als wir gerade hinsteuern, durchbebt uns Bass und es läuft statt mongolischer Folklore zu unserer Überraschung einigermaßen guter Techno! Die Boxentürme sind enorm und schubbert die Menschenmenge nur so durch.

Wir sind aber anscheinend fast die einzigen, denen der Sound gefällt, zumindest bewegt sich kaum einer zur Musik. Alle warten viel mehr auf die kinoartige Beamervorführung der mongolischen Geschichte, die nach einer dreiviertel Stunde an das ca. 150m lange Parlamentsgebäude gestrahlt wird. Alle filmen die Vorführung von Dschingis Khan bis zur Moderne wie blöd mit ihren Handys. Im Gegensatz zum anschließenden Konzert vom ziemlich langweiligen mongolischen Rod Steward, gibt es am Ende ordentlich Applaus für die Filmvorführung.
Die Partylaune hat uns aber mittlerweile gepackt und gegen Mitternacht schlendern wir in Richtung „Face Club“, der gleich in der Nähe ist. Nachdem ja das Nadaam Festival ist, müsste es ja eigentlich brechend voll sein. Umso mehr gucken wir überrascht, als wir tatsächlich die Einzigen im Club sind. Der Barkeeper erklärt uns, dass die Clubs im Sommer wohl oft leer sind und die Mongolen eher im Winter in Partylaune sind. Zum Teil liegt das vielleicht am Alkoholverbot ab Mitternacht, das erst vor ein paar Monaten eingeführt wurde. Viele Junge sind wohl außerdem im Sommer „country side“, also in den Jurten bei ihren Familien. Na gut, Club Erfahrung Nummer 2 (nach Russland) ist wieder mal für‘n Popo gewesen. Aber lustig war der Abend alle Mal. Als wir zurück am großen Platz sind, fackeln sie noch ein völlig übertriebenes Feuerwerk in viel zu niedriger Höhe ab und wir beenden den Tag bei nem Wegbier nach Hause.. ein krönender Abschluss vor unserem Trip durchs Land.. Happy Nadaam!

3 Gedanken zu “km 11075 Ulan Bator, Mongolei

  1. wowwwsaaaaaa, klingt wie immer wahnsinnig aufregend und spannend und neu und total geil! Ich denk‘ mir nur in einer gewissen Regelmäßigkeit wenn ich Eure Berichte lese, dass ich als Veganer mich auf Eurer Reise sicherlich 10+ Mal hätte übergeben müssen und so ganz nebenbei langsam verhungern würde 😉

    Dicker Knutscha aus good ol‘ Germany!!!!!

  2. heyyy nicööllööö.. ja als veganer haste es in der mongolei schon eher schwer.. die essen hauptsächlich fleisch und milchprodukte, wächst ja auch net so viel da..
    sind ja grad scho in indien und da gibts jeden tag feinstes ayurvedisches essen, das wäre dann eher was für dich 🙂
    knuuutsches back, lass ma skypen die tage 🙂

  3. ja hallo – freut mich sehr, dass der Dalai Lama auch in der Mongolei bekannt ist und ihr ihn dort „angetroffen“ habt.. ;o) ich hoffe, er -und die Gebetsmühlen- haben euch Glück gebracht..*) sehr originell die Feste, die in Ulan Bator gefeiert werden und das Leben, dass die Mongolen führen; anscheinend ist doch vieles ganz anders als bei uns…? Jedenfalls sind sie farbenfroh und auch lebensfroh, so wie es auf den Fotos aussieht 🙂 Das Bild mit dem Adler ist ja der Hammer, der Vogel scheint riesengross zu sein!
    1000 Dank für all die tollen Aufnahmen und Beschreibungen dazu und dass ihr euch die Mühe macht, uns an euren spannenden Erfahrungen teilhaben zu lassen :o)
    äs dänkt au eu us wiiter Färni <3 s'Tanti ~Sonja

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